Ihr müsst diese Geschichte nicht lesen. Denn wer von euch hat so viel Zeit übrig?
Sie ist langatmig und persönlich.
Sie ist schwermütig und traurig.
Sie ist zynisch und überspitzt.
Sie ist meine Geschichte.
Und sie hat ein gutes Ende.
Sie orientiert sich an echten Geschehnissen, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Sie zeigt ein Ziel am Ende eines Weges, der stets mit der Natur und ihrer Verbundenheit zu ihr endet.
Was nie hätte geschehen dürfen, begann
Die Trauer muss warten
Mein alter Herr
Die Akteure
...und dann kam die Unsichtbare
Die Heilige mit der Brennnessel
Die Schüchterne
Die Gläubige - auf der Suche nach Natur
Kaum da und wieder weg
Die Extrovertierte mit Vorliebe für gebrannte Kräuter
Endlich ein Mann
Die Tante - Maggie statt Magie
Die Nichte mit serbischer Vertretung
Der fromme Feldwebel
Am Ende wird alles gut - die berühmte Schriftstellerin
Unaufhaltsam! Eine düstere Vorahnung beschlich mich während unseres letzten gemeinsamen Urlaubs im Februar 2016. Eine Kost mit mehr als nur einem bitteren Beigeschmack. Eher vergleiche ich heute, Jahre später, die Erfahrungen mit der schluckweisen Einnahme des Schierlingsbechers. Äußerst giftig, mit Garantie tödlich endend. Und unendlich schmerzhaft.
Wir fuhren zum 80sten Geburtstag meines Vaters nach Österreich und feierten seinen Runden in einem 4-Sterne-Sporthotel in Bramberg. Durch die zunehmende Demenz meines Vaters hatten wir entschieden, nicht in Kreis von Freunden und Familie zu feiern. Der Geburtstag fand jedoch unter größter nervlicher Anspannung statt. Meine Mutter war stark erkältet und hatte keinen Appetit. Bereits am Morgen verkündete sie ihre Verspätung aufgrund starken Nasenblutens. Einen Arzt lehnte sie vehement ab.
Im weiteren Verlauf wurde meine Mutter daheim wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingewiesen. Einen Tag später erlitt sie dort einen leichten Schlaganfall... Glück im Unglück, da sie sofort auf die Stroke Unit verlegt wurde.
Das Blutbild war nicht in Ordnung, doch darauf nahmen die Ärzte keine Rücksicht und entließen sie nach glimpflichem Verlauf ohne weitere Diagnose. Das Damoklesschwert pendelte unaufhaltsam weiter. Die Anträge für die Kur liefen, jedoch lehnte die Klinik die Begleitung meines Vaters ab. Also fuhr meine Mutter in immerwährender Rücksicht auf meine Belastung nicht in eine rehabilitierende Kur.
Ihre Lunge füllte sich mit Wasser und der Hausarzt überwies sie zum Hämatologen. Eine seltene Bluterkrankung. Zu viele weiße Blutkörper bildeten sich und wüteten in den Organen. Das Wort Krebs nahmen wir nicht in den Mund. Sie war unter Beobachtung und der prozentuale Anteil der weißen Blutkörper lag in einem guten Bereich. Vierteljährliche Kontrollen sollten ausreichen. Taten sie nicht! Die Lunge wurde mehrfach von Flüssigkeit befreit. Zuerst in Würselen, dann in Eschweiler. Man war trotz der Diagnose ratlos. Es kam zu fatalen Fehleinschätzungen. Auf der Herz-Station des Aachener Klinikums ging die Odyssee weiter. Schmerzhafte und nervenzehrende Untersuchungen, deren Ergebnisse bereits vorlagen, wurden mehrfach wiederholt. Die Fabrik Klinikum arbeitete im Schichtdienst und schob die Ware Mensch auf dem Fließband weiter. Meine Mutter wurde durch fachliche Inkompetenz oder maßloser Ratlosigkeit der Kardiologie auf die Innere verlegt.
Eine sehr junge Ärztin stellte dort gezielte und richtige Fragen. Gott, war ich glücklich, sie getroffen zu haben. Ihre Diagnose war treffsicher.
Die Odyssee hatte zu viel Zeit in Anspruch genommen. Am nächsten Morgen wurde meine Mutter dennoch wegen Nierenversagens auf die Intensivstation verlegt und von dort auf die Onkologie.
Ich durchlebte auf der Onkologie eine Zeit wüster Beschimpfungen durch den sozialen Dienst, widersprüchliche Aussagen zur anstehenden Krebsbehandlung durch die Ärzte. Ich, die ich angeblich nur an meinen Job dachte und um die bedrohliche Lage meiner Mutter nicht scherte. Ich legte Beschwerde über das Pflegepersonal ein.
Meine Mutter hatte in ihrem Elend panische Angst vor einem Pfleger der Nachtschichtbesetzung. Sollte ich mich auf die Lauer legen? Sollte ich den Pfleger, der seinen Beruf verfehlt hatte, erschlagen? Qui bono? Mir jedenfalls nicht und der miserablen Pflegelage in unserem Land auch nicht. Die hygienischen Zustände gaben uns allen den Rest. Meine Mutter war peinlich berührt. Sie litt mehr an ihrer durch die Krankheit hervorgerufenen Unselbständigkeit auf fremde Hilfe angewiesen zu sein als an ihrer lebensbedrohlichen Krankheit.
Das Wasser in der Lunge füllte jeden Tag einen ganzen Kanister. Sie wurde vollgepumpt mit Batterien von Antibiotika. Mal sollte sie Eiweiß-Shakes trinken, da sie keinen Appetit hatte. Ein anderes Mal wurden die Shakes ihr strengstens verboten, da zu viel Eiweiße in den Blutbahnen ihr Unwesen trieben.
Folgenschwer holte meine Mutter sich schließlich eine Infektion, obwohl sie auf dem angeblich so guten Weg war. Die Viren machten keinen Halt vor ihrer Zimmertür und wüteten ohne Erbarmen. Ihr Körper war ausgezehrt, kraftlos. Um uns nicht zur Last zu fallen, hielt sie stetig eine Fassade aufrecht. „Was tue ich Dir nur an?“, fragte sie mich in dieser Zeit häufig und bezog diese Frage auf die Pflege meines an Demenz erkrankten Vaters, die mir zwischen Job und den täglichen Krankenhausbesuchen vom Schicksal auferlegt wurde.
Meine Mutter hielt nach monatelangem Kampf bis einen Tag nach meiner Prüfung zur „zertifizierten Kräuterpädagogin“ durch. Am Sonntag des 24. Septembers 2017 verstarb sie am Nachmittag allein in ihrem trostlosen Zimmer, kurz nachdem wir sie verlassen hatten. Sie hatte Kopfhörer auf, schaute fern und verfolgte die Bundestagswahlen. Als letztes rief sie mit aller letzter Kraft ihre Freundin Magret an und sagte: „Ich wollte Dich nochmal hören“.
An diesem Nachmittag kündigte ein vom Wind aufgetriebenes Blatt ihre nicht mehr abzuwendende Reise an, aber ich wollte dieses Vorzeichen nicht wahrnehmen. Ich verdrängte, was ich bereits wusste. Ich traute mich nicht, meiner Intuition zu vertrauen. Die Zeit stand für diesen Augenblick still und zeigte mir die drohende Zukunft an.
Bereits am nächsten Tag, nachdem meine Mutter verstorben war, wurden die Termine im Wettlauf koordiniert. Ich ließ mich aufgrund der psychischen Belastung vom Dienst in der Druckerei krankschreiben. Die Beerdigung musste vorbereitet werden. Ich war diesbezüglich ein unbeschriebenes Blatt, hatte keine Ahnung von den Vorbereitungen und was zu berücksichtigen war. Ich informierte Freunde und Familie, hoffte auf die Buschtrommel bei denen, die ich in der Aufregung vergessen würde und bestellte das Beerdigungsinstitut ein, vereinbarte das Gespräch mit dem Pfarrer, legte Beschwerde bei der verantwortlichen Stelle des Hygiene-Managements im Klinikum ein, besprach das Angebot für den Beerdigungskaffee und organisierte das ganze Drumherum.
Mein Vater war keine Hilfe, er brauchte meine Hilfe. Meine Mutter wollte – wieder ohne Aufwand für ihre einzige Tochter – möglichst preiswert und einfach bestattet werden. Ganz ohne Tamtam! Am liebsten in alle Winde verstreut. Mehr Information hatte ich nicht, da dieses Tabu-Thema in unserer kleinen heilen Welt keinen Raum einnehmen sollte. Ein normales Grab mit Stein kam daher nicht in Frage, ein anonymes Grab nach ihren Wünschen wiederum für mich nicht. Dank der guten Beratung des Beerdigungsinstituts am Ort entschied ich mich für ein Urnengrab in einer Stele. Oberster Einschub! Die Vorstellung der frischen Luft mit Blick in den dichten Wald fand ich beruhigend und friedlich. Es war günstiger als das herkömmliche mit Marmor eingefasste Grab und dennoch hatte ich eine Anlaufstelle.
Ich hoffte inbrünstig, meine Mutter akzeptierte diesen durch meine Seele gesteuerten Kompromiss.
Abschließend hoffte ich, dass niemand sagen würde: "Die einzige Tochter hat aber auch an allem gespart. Die liebevolle, aufopfernde Mutter hat mehr Dankbarkeit verdient!". Denn niemand kannte die Wünsche meiner Mutter.
Die Beerdigung verging, ich wusste nicht wie. Mir fehlte bis heute jede Erinnerung. Ich funktionierte; wusste nicht mehr, wer da war und wer nicht. Waren es viele? Fehlte jemand? Hatte ich jemanden vergessen zu informieren? Eine Verwandte hat sich am Grab beklagt, dass ich sie nicht zum Kaffee eingeladen hätte. Mit bodenloser Pietätlosigkeit war sie dennoch die Erste in der Wirtschaft an der Kaffeetafel mit den belegten Brötchen, dem traditionellen Fladen und verabschiedete sich trotz meiner erzwungenen Entschuldigung mit den Worten: „Du hast mich wirklich nicht zum Kaffee eingeladen!“. Ich brach den Kontakt ab. Keine Zeit der Reue, wenn noch nicht mal Zeit für die Trauer blieb.
Ebenfalls enttäuscht war ich bei der Anreise meiner bayerischen Verwandtschaft. Ich habe mich riesig gefreut, dass sie so zahlreich erschienen waren. Am Abend zuvor veranstalteten wir ein Abendmahl zu Hause und saßen unter Berücksichtigung des traurigen Anlasses sehr gesellig beieinander. Doch am Tag der Beerdigung nach einem letzten gemeinsamen Spaziergang im Wald flohen sie nacheinander wieder in ihre bequemen Leben zurück. Niemand blieb über das Wochenende, um meinem Vater, meinem Lebensgefährten oder mir beizustehen. Dabei hatte ich die Beerdigung auf einen Freitag legen lassen, um die An- und Abreise angenehm zu gestalten. Die Telefonate wurden spärlicher. Die Besuche blieben gänzlich aus. Ich wäre stark, würde „das“ schon schaffen und dürfe jetzt nicht krank werden. So stellte man sich enge Bande vor. Herzlichen Dank!
Auch die Verwandtschaft mütterlicherseits ließ sich mit Ausnahme der Großcousine meiner Mutter nicht mehr blicken. Keine Nachfrage, keine Einladung, keinen Kontakt. Demenz war einfach unangenehm. Demenz machte einsam.
Am Nachmittag des 6. Oktober waren wir allein. Allein mit dem nächsten Kapitel, welches wir zu stemmen hatten.
Der Tod war schrecklich, erbarmungslos und schonte niemanden. Doch wie schrecklich war es, einen geliebten Menschen zu verlieren und sich abends nicht mehr an das Ereignis erinnern zu können. Natürlich hatten mein Lebensgefährte und ich uns entschlossen, meinem Vater in der Zeit der Trauer nicht mit neuen Aufgaben herauszufordern. Er sollte die nächste Zeit weiterhin im Gästezimmer wohnen und seine Trauer nicht allein verarbeiten müssen. Doch wie grausam war es, wenn ein Mensch abends neben einem auf dem Sofa saß und fragte: „Wo ist eigentlich die Mutti?“ - „Die Mutti ist tot?" - "Warum hast Du mir nichts gesagt?“
Tagsüber vergingen die Stunden meist wortkarg. Dank des schönen Wetters konnten wir viele Spaziergänge unternehmen und ich bemühte mich meinen Vater abzulenken. Er fragte mich nach Pflanzennamen und Anwendungszweck, um seine Vergesslichkeit einzudämmen. Doch panische Angst überkam mich am Abend. Ich fürchtete mich vor seinen Fragen. Vor der Hilflosigkeit. Vor der Einsamkeit. Mein Lebensgefährte baute gerade seine Selbständigkeit als Tierheilpraktiker auf und brauchte jede Energie für sich. Dennoch dankte ich ihm jeden Tag für seine Aufopferung in diesen Wochen und Monaten. Hilfe von außen blieb uns erst mal verwehrt.
Nach insgesamt vier Wochen Abstinenz, zog es mich zurück in mein Büro. Ich wollte mich ablenken, war die Tristesse leid und brauchte einen geregelten Alltag. Für meinen Lebensgefährten bedeutete dies noch mehr Stress. Ich arbeitete bis zum frühen Nachmittag, erledigte den Rest im Home-Office. Bis dahin musste er meinen Vater betreuen. Abends blieb mein Lebensgefährte in der Praxis, nachdem wir die Übergabe erledigt hatten.
Zum einen musste er Liegengebliebenes aufarbeiten, zum anderen brauchte er sicherlich die Verschnaufpause. Zwischendurch brach mein Vater regelmäßig selbstbewusst zu Spaziergängen auf. An einem Tag brachte er einen fremden Mann mit heim. Gerade noch rechtzeitig war mein Lebensgefährte zur Stelle. Der Fremde hatte eine leere große Tasche unter dem Arm. Zur Rede gestellt sagte er, er sei ein ehemaliger Nachbar meines Vaters und verdrückte sich augenblicklich beim Erscheinen meines Lebensgefährten. Mein Vater verteidigte sich vehement, konnte den Mann jedoch nicht einordnen. Keinen Namen, keine Erinnerung und letztlich vermutlich ein fremder Eindringling. Hätte er meinen Vater eventuell niedergeschlagen und unser Haus nach Wertgegenständen durchstöbert? Wir mussten uns eingestehen, dass wir die Situation nicht mehr im Griff hatten. Wir gingen Gefahren ein; wir drohten uns zu verlieren. Dieser vermeintlich vereitelte Überfall war der Auslöser.
Wir wollten unser Leben zurück. Wir brauchten eine Lösung, damit Ruhe einkehren konnte. Innere Ruhe und ein wenig Seelenfrieden. Ich würde meinen Vater gut versorgt wissen, war mein gestecktes Ziel. Er sollte nicht dauerhaft bei uns wohnen und er sollte auch nicht in ein Heim. Also überlegten wir gemeinsam, welche Pflegemöglichkeiten in Betracht kämen. Ich begann mit der Recherche nach einer 24-Stundenhilfe. Akribisch trug ich die Vergleichsangebote in eine Excel-Tabelle ein. Ich organisierte Termine und Vorstellungsrunden.
Ich war gut aufgestellt – dachte ich. Ich würde das Beste für meinen Vater regeln. So wie meine Mutter es sich gewünscht hätte...
In der Pflege soll laut einer Dokumentation, die ich gelesen habe, mehr Geld zu verdienen sein als im Drogenhandel. Das Geld kam nicht an der Basis an. Klar! Der Pflegenotstand machte auch im privaten Sektor nicht Halt. In der Tat wurde ich im Laufe meiner ungewollt steigenden Erfahrung belogen, betrogen, bedroht, getäuscht und desillusioniert.
Mafia ähnliche Vergleiche drängten sich mir auf, als ein Anbieter aus Belgien seinen schwarzen auf Hochglanz polierten SUV in der Seitenstraße parkte und mit seiner polnischen, modebewusst gestylten Ehefrau hereinstolzierte. Bordellartige Stöckelschuhe, Minirock, waffenartig lange, lackierte Fingernägel.
Zugegeben, die italienisch bodenständige Mafia ging für mich immer mit einer verborgenen Faszination des familiären Zusammenhalts einher, gleichzeitig empfand ich den heimeligen Charme der 70er Jahre.
Was ich allerdings an diesem Abend sah, raubte mir jede verträumte Verklärung, die ich bei „Der Pate“ empfunden hatte. Die Organisationen hießen nicht Ndrangheta, Cosa Nostra oder Camorra. Nein, es stellten sich ohne Pathos Vertrauen vorgaukelnde Wichtigtuer vor. Ich wurde umworben von einem goldenen Herbst, der mit herzlicher Hand trügerisch als Hausengel getarnt, mit einem Optimum pro Senior sorgen würde.
Das Gesetz der Omerta war leichtgängiger, einleuchtender und verständlicher. Kurz vor Weihnachten unterschrieb ich den ersten Vertrag mit einem Pflegedienstanbieter mit Sitz in Dortmund. Ausschlaggebend für die Entscheidung war die sehr informative Präsentationsmappe, die eine meiner Mitarbeiterinnen mir übergab. Die Unterlagen waren seriös, die Telefonate freundlich und umsichtig. Der Gesprächstermin erfolgte sehr schnell. Preislich bewegte sich das offerierte Dienstleistungsangebot im mittleren Segment. Meine Grundvoraussetzung für einen Vertrag war überschaubar: Die deutschen Sprachkenntnisse sollten befriedigend sein. Allen weiteren Aspekten habe ich blindlings vertraut. Ich bediente mich den bekannten Klischees. Die polnischen Pflegekräfte können sehr gut kochen, sind traditionell verhaftet, sehr gläubig und familiär eingestellt.
Meine Tanten, deren Ratschläge ich nur aus der Ferne im Telefonat hörte, gaben zu bedenken, dass ich vor Diebstahl achtgeben solle. Man hätte auch gehört, dass manche ständig betrunken seien. Und wieder manch andere sollen bei Überforderung gewalttägig geworden sein. Diese Horrormärchen wollte ich nicht hören. Bei mir würde nach so viel Elend schon alles gutgehen...
Pflegerin Nr. 1 war scheinbar für mich zum Üben vorgesehen. Es war meine Eingewöhnungsphase - quasi meine Probezeit. Nachdem die Pflegefirma meine Erwartungen gedämpft hatte, dass sich vor Weihnachten qualifiziertes Personal finden ließe, sollte ich mit ihr für den Übergang zufrieden sein. Ich hegte nicht allzu großen Argwohn. Wir würden schon klarkommen. Ich empfand mich immer als unkompliziert und flexibel. Also, los ging's!
Ich räumte bei meinem Vater auf, putzte gründlich durch, kaufte ein und präsentierte ein schmuckes kleines Einfamilienhaus.
Die junge Pflegerin fand das Gästezimmer vorzüglich und nahm am ersten Sonntag die Einladung zum Essen im Restaurant als Willkommensgeschenk dankend an. Ihre Deutschkenntnisse waren passabel. In den ersten Tagen schob ich manche Ungereimtheit auf das gegenseitige Eingewöhnen. Mein Vater klingelte abends Sturm und terrorisierte den Anrufbeantworter, der ihm partout nicht antwortete.
Die flüchtige Pflegerin war selten zu sehen, wenn ich nach Büroschluss nach dem Rechten schaute. Angeblich war sie „gerade erst“ in ihr Zimmer gegangen. Sie war eine Stubenhockerin, schaute Filme über ihr Tablet und verspürte wenig Lust auf Sauerstoff. Ich weitete meine detektivischen Beobachtungen aus. Sie konnte scheinbar nicht kochen. Sie war nicht unbegabt, sondern konnte gar nicht kochen oder einen Haushalt führen! Es gab Tiefkühlpizza, Erbsen und Möhrchen aus der Dose. Reste wurden ohne Abdeckung dem Vertrocknen im Kühlschrank überlassen. Auch angebrochene Konserven fanden im Kühlschrank Platz. Rotkohl aus dem Glas fand ich halbleer und ungekühlt in der Abstellkammer. Gewürze waren reine Dekoration in den Schränken. Deftige polnische Küche hatte ich mir anders vorgestellt.
Um die Pflegekraft zu entlasten, bot sich der Nachbar an, meinen Vater montags zu Ausflügen nach Köln mitzunehmen. Dienstags hatte ich dank einer treuen Freundin eine Tagespflege für meinen Vater im Nachbarort organisiert. Wir nannten es „Seniorentreff“. Das klang charmanter als Tagespflege. Mein Vater hasste die Treffen dennoch – „nur alte Leute, die irgendeinen Stuss erzählten. Nur Blabla... was soll ich dort?“. Für meinen körperlich rüstigen Vater war das tagesfüllende Rumsitzen pure Zeitverschwendung.
Die sportliche Betätigung bestand aus dem gegenseitigen Hin- und Herwerfen eines Balls im Sitzen, einem Mittagsschlaf im Ruheraum und den Kantinen ähnlichen Speisen. Lächerlich in seinen Augen, wo er doch noch jeden Berg hätte erklimmen können. Aber mein Vater war nur verbal bockig, ansonsten spielte er artig mit. Ich war froh und dankbar für seine grenzenlose Geduld. Es sei eine Abwechslung für ihn und er solle sich eben für die alten Leute sozial engagieren, erklärte ich (schein)-heilig und betete abends um Absolution. Mein schlechtes Gewissen plagte mich mitunter arg. Die Unsichtbare schaffte es einmal, dass mein Vater nicht rechtzeitig zum Abholtermin vom Kleinbus zur Tagespflege fertig war. Angeblich hatte der Bus nicht gewartet und war gleich weitergefahren. Am meisten ärgerte es sie allerdings, dass sie keinen freien Tag hatte und meinen Vater vergnügen musste statt Videos zu schauen. Die Fahrtkosten mussten wir tragen. Zu diesem Zeitpunkt noch selbstbewusst, leitete ich die Kosten postwendend an die Pflegefirma.
Weihnachten rückte näher. Ich hatte einen stressigen Tag im Büro und die Unsichtbare rief an. Ich hätte ihr angeboten, dass sie über die Feiertage nach Polen reisen könne. Glücklicherweise sei nun ein Platz im Reisebus frei. Hatte ich nicht! Mein Vater hatte meiner Mutter die Vermutung geäußert, dass er sich sorge, ob Demenz wohl ansteckend sei, nur, weil sie etwas vergessen hatte. Damals lachten wir köstlich über den Humor, der zu seinen Lasten ging. Nun sollte ich einen Aussetzer haben? Nein. Auch eine Beschwerde bei der Firma brachte keine zufriedenstellende Lösung. Ich war machtlos. Die Unsichtbare war nicht nur unsichtbar, sie reiste ab. Papa zog über die Feiertage erneut bei uns ein. Es war das erste Weihnachten ohne meine Mutter und es drohte ein Fiasko zu werden. Unsere Freundin Doris lud uns an Heiligabend ein, sodass ich keine Zeit für Trübsal hatte. Mein Vater war herzlich willkommen. Tag 1 der Feiertage war somit gerettet. Ich dankte Gott oder wem auch immer. An Tag 2 hatte ich einen Brunch in der niederländischen Skihalle gebucht. An Tag 3 kochte ich für uns drei festlich ein Wildgericht nach Art meiner Mutter. Weihnachten war geschafft. Irgendwie geht alles irgendwie vorüber. Immer!
Die Unsichtbare kam wieder, blieb länger als durch die Firma zugesagt und wurde erst Ende Februar ausgetauscht.
Nachdem ich der Unsichtbaren meinen Einstand in die Geheimnisse des Pflegeberufes zu verdanken hatte, begrüßte ich die zweite Dame. Wir sollten sie Katharina nennen. Es sei einfacher auszusprechen und sie war diesen Namen in Deutschland gewöhnt.
Meine gute Seele! Sie schaffte es in kürzester Zeit meine negative Pflege-Unterwelt wieder ins hoffnungsvolle Licht zu führen. Katharina war gütig, sie war fürsorglich. Und sie interessierte sich für Pflanzen. Sie fragte nach ihrem deutschen Namen und wir beugten uns auf den Boden zur gemeinsamen Entdeckungsreise. Sie brachte mir polnische Vokabeln bei, zum Beispiel pokrzywa für die Brennnessel. Wir hatten so viel gemeinsam. Eine Seelenverwandte.
Ein Engel. Ein Engel für meinen Vater, ein Engel für mich.
Sie sorgte sich rührend, aber nicht aufopfernd. Sie besaß herausragende Pflegekenntnisse und eine einschlägige Krankenhauserfahrung. Katharina spielte bei schlechtem Wetter „Mensch ärgere Dich nicht“ und Puzzle mit meinem Vater. Sie liebte die Natur und... sie konnte bodenständig kochen! Ihre Gulaschsuppe war sehr fein. Katharina schickte Bilder per WhatsApp, um uns in ihren Alltag mit meinem Vater einzubinden. Wir grillten zusammen, wir besuchten Restaurants, gingen gemeinsam einkaufen und wuchsen zur Familie zusammen. Nach drei Monaten erfolgte ein planmäßiger Wechsel, damit sie ihren Mann und Sohn wiedersehen konnte. Und sie freute sich, nach dieser Zeit wieder bei uns im Einsatz sein zu dürfen.
Eine schüchterne Mitarbeiterin kam im Wechsel für Katharina. Sie war ebenfalls fleißig, ruhig und pflichtbewusst. Ich führte sie in Museen. Sie besuchte mit uns Märkte. Wir luden sie ins türkische Restaurant ein. Sie war schüchtern, höflich und sollte sich die Stelle mit Katharina teilen. Ich wähnte mich bereits in reichbare Nähe einer perfekten Stellenbesetzung. Wenn die Unsichtbare der einzige Wermutstropfen war, Katharina und Mitarbeiterin 3 alle drei Monate wechseln würden, näherten wir uns einer 100%igen Zielerreichung.
Leider hatte Katharinas zweiter Aufenthalt ein trauriges Ende. Sie reiste bereits krank an. Ihr Nacken schmerzte und die Schmerzen wurden schlimmer. Ihre im Gepäck mit angereiste Diagnose aus Polen stellte sich im Nachhinein als fataler Irrtum heraus. Zunächst jedoch fuhren wir sie zum Osteopathen nach Kerkrade. Er würde es schon richten. Auch boten wir ihr zur Unterstützung Weihrauch an und allerlei Hausmittel, die wir in petto hatten. Die Schmerzen wurden nicht besser. Als sie ihren Arm nicht mehr heben konnte, erhielt sie von meinem Hausarzt eine Überweisung ins Krankenhaus.
Mein Lebensgefährte und ich begleiteten sie spät abends in die Notaufnahme. Mittlerweile war eine Aushilfe bei meinem Vater. Eine Notbesetzung im wahrsten Sinne des Wortes. Gollum 4 war von erlesener Wahl. Aber Katharina ging vor. Der Notarzt war beschämend unverschämt. Sie sei kein Notfall und wir nahmen sie wieder mit heim. In der Apotheke erhielt sie starke Schmerzmittel für die Nacht. Nach zwei Tagen ging ihr Flug zurück in die Heimat.
Ihre heißen Tränen flossen über meinen Nacken, als wir uns verabschiedeten. Meine Schwester sollte ich nie wiedersehen.
Katharina starb kurz vor ihrem 50sten Geburtstag am 11. September 2018 in ihrer Heimat an Knochenkrebs. Mit ihrem Mann, den ich nie kennenlernen durfte, weinte ich am Telefon. Wir fanden keine Worte. Tiefe Trauer umfasste mich viele Wochen. Nun zündete ich auf dem Friedhof am Grab meiner Mutter zwei Kerzen an.
Zum Zeitpunkt ihrer Anreise wusste ich nicht, dass Katharina sterbenskrank war. Die Gläubige sollte bis zu Katharinas Genesung bei uns bleiben. Sie sprach sehr schlecht Deutsch und unterwarf sich ständig aufgrund ihres eigenen Anspruchs. Doch versuchten wir die Situation mit Ruhe und Gelassenheit zu meistern. Sobald Katharina wieder da wäre, würde alles gut sein.
Unsere Gläubige entschuldigte sich am laufenden Band für Dinge, Situationen und Nicht-Erreichen ihrer eigenen Messlatte. Sie betete ständig und nahm meinen Vater samstags mit in den polnischen Gottesdienst. Es täte ihm gut. Vor allem tat es ihr gut, und sie dankte Gott, dass er sie auf diese Pflegestelle gesandt hatte. Sie liebte die langen Spaziergänge in der Natur. In ihrer Heimatstadt gäbe es hohe Umweltverschmutzung, wodurch ihre Kinder stets Atemnot und Allergien gehabt hätten. Auch unsere Gläubige besaß ein sehr gutes Naturwissen. Wir konnten uns, soweit die Sprachbarriere es zuließ, gut über Pflanzen und Wildkräuter austauschen.
Sie liebte meinen Vater für seine zuvorkommende Art und sicherlich liebte sie uns. Ich veranstaltete viele Besuche in alle möglichen Kirchen und Museen. Meist nutzte ich dazu die Sonntagvormittage.
Nur eine Sache verunsicherte die Gläubige immens. Sie sorgte sich um mein Seelenheil, nachdem ich sie durch unser Haus geführt hatte. Dort hat sie statt eines Jesus am Kreuz Buddha-Statuen entdeckt. Sie war entsetzt über den falschen Glauben und sprach mich – allen Mut zusammengenommen – zwei Tage später darauf an. Wieso nicht Jesus? Ich verstand sie zuerst nicht. Was hatte ich falsch gemacht? Hatte ich ihren Glauben verletzt? Im polnisch-deutschen Wortgemisch fiel irgendwann der Groschen. Sie hatte tatsächlich große Angst, dass ich mich Gott entfernen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich dies bereits. Ich glaubte nicht an die eine Religion, ich glaubte an die Natur. Wer weit gereist war, hat das große Glück, Gott anders zu begreifen. Ich erzählte ihr von unseren Reisen nach Nepal, nach Bhutan und nach Indonesien. Hinduismus, Buddhismus und der gute Islam. Es war kompliziert, meine Faszination in einer fremden Sprache zu verdeutlichen, ohne sie zu verschrecken. Ich war überzeugt, dass unsere Gläubige bis heute jeden Samstag im Gottesdienst für mein Seelenheil betete.
Das zweite Weihnachten ohne meine Mutter rückte näher. Ich konzentrierte mich auf die ersten Pläne. Ich liebte das Weihnachtsfest nach alten Regeln und die damit festlich einhergehende Stimmung. Altes Wissen aus vorchristlicher Zeit inbegriffen. Das Fest war für uns immer besinnlich und friedlich. Es gab nie Stress und verlief harmonisch nach sich wiederholender Zeremonie. Da unsere Gläubige sich sehr gut integrierte, fleißig an ihrer Verständigung arbeitete und mir meine frevelhafte Religiosität verzieh, verzieh ich mir den Schmerz der letzten Jahre. Ich bastelte mir ein Weihnachtsfest. Eine polnische Freundin wurde eingeladen, damit sie in ihrer Landessprache einen abwechslungsreichen Heiligabend würde haben dürfen. Ein Nachbar sollte dazu kommen und ebenfalls Weihnachten feiern. Alles wurde perfekt. Ich stand in der Küche und bereitete das erste Mal den traditionellen Heringssalat meiner Mutter zu. Kräuterbutter und selbstgebackenes Tomatenbrot mit Basilikum waren Pflicht. Sie beteiligte sich ebenfalls mit polnischem Salat. Wir hörten sogar polnische Weihnachtslieder. An diesem Abend fehlte nur meine Mutter. Sie fehlte!
Am ersten Feiertag aßen wir im Restaurant. Es war die übliche Massenabfertigung; nicht delikat, aber das war egal. Ich konnte hervorragend ausblenden. Wir besuchten sogar die Messe im Aachener Dom. Als sie vom Holzstuhl im Dom zu Boden stürzte schreckten mein Vater und ich auf. Allerdings war es nur ein Glaubensbekenntnis und kein Zeichen eines Schwächeanfalls. Mein Vater und ich lachten in uns hinein. Humor und Witz hatte er in jeder Lebenslage behalten.
Hauptsache Weihnachten, denn das Festessen bei der Mutter würde nicht mehr stattfinden. Dafür hatte ich wieder einen wunderbar orientalischen Weihnachtsbaum. Alles war (fast) perfekt und ich bedankte mich nicht nur bei ihrem Gott dafür.
Unsere Gläubige war nun schon fast fünf Monate bei uns. Im Januar reiste sie ab. Es war der Eintritt in ihren wohlverdienten Ruhestand mit 60 Jahren. Wir blieben auch weiterhin über Messenger in Kontakt. Bis zum heutigen Tag gratulieren wir uns zu den Geburtstagen und Feiertagen.
Am 25. Januar 2019 reiste Nummer 6 an. Eigentlich fuhr sie nur vorbei. Denn meine Geduld mangels Sprachkenntnisse war erschöpft, vor allem aus dem Grund, da unser Skiurlaub anstand. Nach zwei Wochen und kurz vor Antritt des Urlaubs musste sie uns verlassen. Ich blieb mit unserer lieben Gläubigen in Kontakt. Leider durfte sie nicht zur Hilfe eilen, da ihr Ruhestand abgewickelt wurde. Sie machte sich ehrliche Sorgen, ob mein Vater gut versorgt wäre.
Pflegerin Nummer 6 jedoch gab sich unterdes keine Mühe ihre Sprachdefizite durch Offenheit darzulegen, sondern vertuschte durch stringentes Lügen. Auf meine gezielt geschlossene Fragetechnik antwortete sie selbstbewusst mit einem Ja oder einem Nein, was in beiden Fällen ins Verderben führte.
Setzen, sechs bzw. packen und abreisen.
Ab dem 9. Februar 2019 kam eine Namensvetterin, ich nenne sie Pflegerin Nummer 7. Gespannt fuhr ich zwischendurch vom Büro zu meinem Vater - auf ein gutes Omen hoffend. Der erste Eindruck war entscheidend. Zum einen verlebt, abgewrackt, zum anderen sehr gesprächig. Gute Deutschkenntnisse, also ausbaufähig.
Ich fuhr zurück ins Büro. Ich war zufrieden und wägte mich aus der Gefahrenzone. In den darauffolgenden Tagen konnten wir uns besser kennenlernen. Wir hatten bis zum Urlaub nur wenige Tage, doch die würden ausreichen. Ein erneuter Wechsel war zeitlich unmöglich und schien nicht nötig zu sein. Samstag fuhren wir zum Wochenmarkt in die Niederlande. Sie sagte nicht nein, sie aß alles und davon fiel. Es gab nicht nur Backfisch, sondern auch jede Menge Krabben. Das Besondere war ihr wichtig. Mir sollte es recht sein. Warum Backfisch, wenn das Leben auch Krabben bot. Und warum nicht beides?
Sonntag lud ich zum Essen in „Die Brücke“ ein. Sie trank wie wir ein Bier, speiste edel und eine Spur zu dekadent, was ich zu diesem Zeitpunkt vollkommen in Ordnung fand. Hauptsache mein Vater war gut versorgt und wir würden in den Winter fahren können!
Nicht die leiseste Vorahnung beschlich mich. Leider! Beim Essen teilte sie uns ihre Pläne für die nächsten zwei Wochen mit. Sie wollte mit meinem Vater Städtetouren unternehmen. Ich lobte sie für ihre Selbständigkeit. Sie wollte nach Aachen mit dem Zug und auch Städte wie Amsterdam oder Brüssel erkunden. Ich warnte sie, meinen Vater nicht zu überfordern. Nummer 7 versprach es. Wahrscheinlich meines Sichtfelds entzogen mit gekreuzten Fingern auf dem Rücken. Andererseits faszinierte mich ihr Entdeckergeist. Ich maßregelte mich selbst wegen meiner übertriebenen Fürsorge.
Wir fuhren Richtung Süden nach Österreich. Wir verbrachten eine tolle Skiwoche. Korrekt, ihr habt richtig verstanden: eine nicht zwei Wochen. Nach der ersten Woche wechselten wir die Unterkunft, wir wollten nach langer Zeit die Verwandten in Lenggries besuchen. Am späten Nachmittag bezogen wir Quartier in einer Ferienwohnung. Das Abendessen war uns noch vergönnt. Kurz vor dem Zubettgehen ging der Anruf des Nachbarn meines Vaters ein. Mein Vater hatte dort geklingelt und gesagt: „Kati ist die Treppe hinuntergefallen. Nun liegt sie am Boden und bewegt sich nicht“. Sie wurde mit dem Rettungswagen bewusstlos in das nächste Krankenhaus eingeliefert. Mein Vater verbrachte die Nacht und den nächsten Tag allein im Haus. Wir brachen den Urlaub ab. Die Kosten der Unterkunft ging trotzdem auf unsere Rechnung. Völlig aufgelöst sagte ich Tante und Cousinen Bescheid, ließ mich Tränen überströmt kurz drücken und stieg in das aus- und wieder beladene Auto. Mein Lebensgefährte und ich redeten kein Wort. Zwischen Wut und Trauer gab es ganz viel Eis. Auch Heulkrämpfe meinerseits unterbrachen die wenig philosophische Ruhe. In Herzogenrath angekommen, warf ich die schmutzige Wäsche in den Keller, packte meinen Schlafsack und fuhr so schnell es ging zu meinem Vater. Fröhlich stand er in der Haustür und freute sich, mich zu sehen. Dass wir den Urlaub abbrechen mussten, ich mir quälende Sorgen auf der Rückreise gemacht hatte, war ihm nicht klar. Erst einmal verschaffte ich mir einen Überblick. Die Extrovertierte lebte laut Aussage des Pflegeanbieters, würde jedoch am nächsten Tag zu weiteren Untersuchungen verplant. Ihre gesundheitliche Lage schien äußerst bedrohlich.
Ich packte meinen Schlafsack auf das Gästesofa und begann mit einer Putzorgie. Das Wort Orgie traf die Situation gut, denn es roch abgestanden und meine Nase gelangte in eine Mixtur unangenehmer Gerüche. Ich startete im Gästezimmer. Ich räumte Salzstangen aus den Ritzen, staubsaugte, wischte, schrubbte, bezog das Bett frisch. Dann stieß ich auf das ausschlaggebende Corpus delicti: Auf dem Beistelltisch zog ein Münchner Kaffeehaferl seine Aufmerksamkeit auf mich, dessen Boden mit einer Neige von 80%igem Stroh-Rum benetzt war. Ich mutmaßte, dass sie schläfrig und schlaftrunken zu einer letzten Zigarette die Treppe hinabsteigen wollte. Mangels notwendigem Koordinationsvermögen stürzte sie die Treppe rascher hinab als sie es geplant hatte.
Nun packte ich ihren Koffer mit den Habseligkeiten inkl. eines Vibrators zusammen, den ich zuerst für einen Lockenstab hielt. Wäre ich nicht so entkräftet gewesen, hätte ich lauthals los geprustet. Es schauderte mich gewaltig, da ich die billigen Bilder in meinem Kopf nicht geordert hatte und sie, wie nicht bestellte Wurfsendungen im Briefkasten, nicht vermeiden konnte.
Die Entdeckungsreise vollzog ihre Fortsetzung in der Küche. Zum Glück hatte meine Mutter zu Lebzeiten einen großen Überschuss an Putzmitteln angesammelt, die nun gute Dienste erwiesen. Vor dem verkohlten Stangenbrot im Backofen und dem mit schwarzen, fettigen Rußflecken versehenen Backblech traten sie jedoch in den Streik. Nur mir war kein Streikrecht vergönnt. Ich schrubbte mich gegen die Übelkeit ankämpfend durch die Räumlichkeiten.
Trotz Erschöpfung war mir nur ein unruhiger Schlaf vergönnt. Am nächsten Tag füllte ich die Einkäufe auf und richtete mich auf die Ankunft der neuen Pflegekraft ein. Ich hatte immer noch Urlaub. Laut Wörterbuch definiert sich Urlaub, wie folgt: „Einem Arbeitnehmer/in zustehende arbeits- und dienstfreie Zeit, die der Erholung dient“. Aufgrund meiner gegenwärtigen Verfassung war ich nicht in der Lage, mir diesen Satz realitätsnah zu übersetzen.
Nummer 7 strapazierte meine Nerven am nächsten Tag weiter, indem sie Kleidung für das Krankenhaus einforderte. Ob und wann sie sterben würde oder noch Schlimmeres geschehen würde, war noch in der Klärung. Eines stand fest: Sie plädierte auf „nicht schuldig“. Sie hatte weder Alkohol getrunken noch überhaupt traf sie irgendeine Schuld am Tathergang. Nach ihrer Beschreibung stand es so arg um sie, dass wir umgehend ins Krankenhaus fuhren. Mein Lebensgefährte und ich brachten eine Reisetasche und staunten nicht schlecht, als wir sie ein Rauchopfer bringend am Eingang vorfanden. Ihr subjektives Empfinden ihres Zustands wich deutlich von unserer Wahrnehmung ab. Sprachlos und dennoch entschlossen herzlos überließen wir sie ihrem Schicksal.
Fünf Tage nach dem Vorfall fuhr Katl (O-Ton Vater) mit dem Taxi zu meinem Vater vor und bat erneut um Einlass. Einen Tag später trat sie die Rückreise nach Polen an. Ihr Arbeitgeber versuchte sie in Regress zu nehmen. Einige Wochen später versuchte das Krankenhaus die Rechnung für Kost und Logis bei meinem Vater zuzustellen, konnte jedoch keinen Wohnsitz ermitteln. Ihr Arbeitgeber hatte sie scheinbar nicht krankenversichert. Das weitere Schicksal blieb mir bis heute verborgen. Ich sollte auch nicht alles wissen wollen.
Schlimmer geht immer, hieß es im Volksmund. Mein erster Eindruck von einem Pfleger, den mein Vater ablehnte, da er keine Frau war und ich ihn in keine Frau wandeln konnte, war düster. Wehe der Vorahnung. Nummer 8 wirkte wie ein Mann mit finsterer Vergangenheit. Er schien viele Geheimnisse im Gepäck zu verstauen. Und gleich bei der Begrüßung stellte er sich mit seinem Leitsatz und Lebensmotto vor: „Besser privat“. Der polnisch-deutschen Terminologie nicht ausreichend mächtig, verstand ich ihn nicht sogleich.
Meine Freundin war neugierig und aufgrund ihrer Ausbildung als Demenzbegleiterin war mir ihr Urteil wichtig. Sie beschwichtigte meine Ängste und gab mir den Rat abzuwarten. Er war ein Einzelgänger, zeigte mir ein Foto seiner großen Liebe. Wie in einem tragischen Roman nahm diese Liebe ein noch tragischeres Ende. Sie hatte ihn verlassen, nahm sein ganzes Geld und setzte sich nach Tunesien ab. Zurück blieb ein gekränkter, eitler Mann. Er zeigte mir das Foto einer schönen Blondine. Wie ein Seefahrer, der seine Liebe im fremden Hafen zurücklassen musste, wirkte er oft gedankenverloren. Darüber hinaus schienen ihn auch andere Menschen betrogen zu haben. Aus Sicherheitsgründen trug er immer ein Bündel Bargeld bei sich. Eine fremde Währung, jedoch gab sie ihm Selbstbewusstsein. Angeblich hatte sein Arbeitgeber ihn nicht bezahlt und angeblich hatte er keinen Zugang zu seinem Bankkonto. Daher misstraute er den Banken, seinem Arbeitgeber und der gesamten Welt. Seine ihn ständig begleitenden Themen waren Verrat und Betrug. Stolz war er zu berichten, dass er bei einer Wachfirma gearbeitet hatte, dass er einen Waffenschein besaß und ein scharfes (!) Messer. Für einen Söldner hielt ich ihn allerdings nicht. Vielleicht wäre er gerne einer geworden?
In der Tat konnte Nummer 8 recht gute Hausmannskost fabrizieren und mein Vater gewöhnte sich an seine neue Haushaltshilfe. Er liebte "duftende" Wunderbäume, die einen künstlichen Geruch im Haus verströmten. Die Unterhaltungen waren dürftig, aber die Versorgung war geregelt. Er liebte nur polnische Produkte, fand sein polnisches Bier besser als deutsches, und mochte kein Essen im Restaurant. Seine Gebete verrichtete er vor dem Fernsehen, wenn Messen übertragen wurden. Er scheute Menschen und vermied Kontakte, wann immer es möglich war. Als Heiliger, wie er sich sah, schwor er jeder Art von Alkohol ab und den Stroh-Rum, den meine Mutter zum Marmelade einkochen im Vorratsschrank hatte, hatte ich ohnehin einkassiert. Ich lernte durch Erfahrung, die mich stählte. Doch auch dieses Kapitel barg enorme Erfahrung, an der ich wachsen sollte.
Regelmäßig ging mein Vater allein spazieren, fand jedoch immer wieder allein zurück. Also versuchte ich meine Sorgen in Zaum zu halten.
Obwohl er zuvor in Hamburg lebte, dort verdeckt eine alte Dame gepflegt hatte und mir von den Masuren vorschwärmte, blieb ein Thema stets präsent: „Besser privat“. Mittlerweile hatte ich mich auf seinen kargen Wortschatz eingestellt: Er wollte schwarzarbeiten, da alle Menschen auf dieser Welt Ausbeuter waren und er aufgrund seiner üppigen Menschenkenntnis niemandem trauen konnte. Mein Veto war klar, wurde jedoch ständig mit theatralischen Versuchen verbal-handwerklich bearbeitet.
Parallel gab es noch eine Rechnung mit der Pflegefirma zu begleichen, die eine verlebte Trinksüchtige entsandt hatte. Wegen des weniger galanten Treppensturzes seiner Vorgängerin und der damit einhergegangenen Kosten, holte ich mir Beratung bei einer Pflegeberatungsstelle, die mir den Weg zur Anwaltskanzlei nahelegte. Ich ließ mich überreden die Pflegefirma zu verklagen. Ich stellte unseren Aufwand zusammen, wie Verdienstausfall, Hotelstorno, etc. Die Summe forderte die Anwältin bei der Pflegefirma ein, die mir postwendend die Kündigung zustellte. Angeblich hätte ich die Zeche nicht bezahlt. Nummer 8 fühlte sich in seinem engen Weltbild bestätigt. Meine Anwältin sagte, das Verhalten der Pflegefirma entspräche absolut der Norm. Ich mochte mich nicht zu sehr aufregen. Tat ich aber – die Luft wurde enger, mein Schlaf weniger und das Entsetzen brachte mir wiederkehrende Schweißausbrüche.
Nun kam des Haushälters großer Auftritt. Er würde mit seinem Arbeitgeber sprechen und alles klären. Es war seine Chance die Welt gerade zu rücken, denn nur er war der Gute. Er würde bleiben und seine Arbeitsstelle kündigen. Mir widerstrebte dies gründlich, aber innerhalb von zwei Wochen würde ich keine passable Lösung finden. Nach Abwägen des Für und Wider überzeugte mich mein Lebensgefährte, ihn legal einzustellen. Voller Tatendrang formulierte ich einen Arbeitsvertrag, erstellte eine Funktionsbeschreibung, besprach die steuerlichen Vorgaben mit der Steuerberaterin, meldete eine Betriebsnummer bei der Agentur für Arbeit an.
Ich war so naiv... Die Firma beschuldigte mich eines Abwerbens und Verstoßes gegen den noch laufenden Vertrag. Laut Anwältin hatte ich mich schuldig gemacht, da ein Abwerbeverbot stets von beiden Vertragspartnern ausginge. Eine Klage hätte ich wohl nicht gewonnen.
Ich hatte niemanden abgeworben und meinen Schaden hatte ich gleichfalls noch nicht reguliert. Sich im Recht fühlen, zu Unrecht behandelt worden zu sein und Recht behalten, waren konträr laufende Sachverhalte. Zum ersten Mal im Leben wurde ich für ein Vergehen bestraft. Außergerichtlich einigten wir uns auf eine Geldsumme. Statt für den Urlaubsausfall zu entschädigen, ließ die Firma sich von mir entschädigen, da ich als unbescholtener Naivling durchs Leben gegangen war. Für mich lag das alles außerhalb meiner Vorstellungskraft.
Und Nummer 8? Er blieb, zumindest vorerst. Er wollte meinen Schaden als Heiliger, als einzig guter Mensch wieder regulieren. Die Übergangsfrist für die Krankenkasse lag bei sechs Wochen. Also drängte ich ihn nicht direkt, sich die Vertragsunterlagen alle auf einmal anzusehen. Allerdings wunderte ich mich, dass er so gar keine Fragen stellte und scheinbar keine Übersetzungsschwierigkeiten hatte, bei denen ich behilflich sein konnte. Wenn ich nach Feierabend in die Einfahrt meines Vaters fuhr, wunderte ich mich, dass er am Küchenfenster saß. Wenn ich kurz darauf die Tür aufschloss, saß er wie von Zauberhand bei meinem Vater im Esszimmer. Ich wurde zusehends nervöser. Der Vertrag musste zur Unterschrift kommen oder er musste abreisen.
Dann erfolgte sein großer Auftritt: „Zu wenig“, war seine Reaktion auf den Vertragsentwurf. Er pokerte und bockte ab dem Zeitpunkt, dass sein Spiel nicht aufging. Ich verbot ihm unverzüglich und schriftlich für meinen Vater zu arbeiten. Mein Lebensgefährte oder ich übernahmen Arzttermine persönlich und versorgten meinen Vater weitestgehend selber. Nachts brauchte er zum Glück nach wie vor keine Hilfe.
Da Nummer 8 keine Bleibe hatte, setzte ich ihn leider nicht direkt vor die Tür, was definitiv klüger gewesen wäre. Schließlich offenbarte er, er wollte sich in die Schweiz absetzen. Dort könnte man noch Geld verdienen. Gute Reise! Doch wie in einer Endlosschleife - die Zahl Acht bildet eine solche - startete Nummer 8 einen weiteren Versuch zu bleiben, obwohl er mittlerweile kein Wort mehr mit mir redete. Sein Patient in der Schweiz sei kurzfristig verstorben. Nun hätte er keine neue Lösung. Pech gehabt, ich war müde und wollte mich auf keine weiteren Spielchen einlassen! Wie er gekommen war, so reiste er schließlich ab. Unversöhnlich, gekränkt rollten sein Koffer und er hinaus. Ich meldete ihn bei der Stadt ab. Neuer Aufenthaltsort unbekannt.
Während der vergangenen Wochen hatte ich erneut Angebote von Pflegediensten eingeholt. Es kam zu einem Vermittlungsvertrag mit einem ortsansässigen Rentner, der sich mit der Vermittlung von Pflegekräften ein Zubrot verdiente. Ein Ansprechpartner vor Ort. Dies sollte der neue Weg sein.
Im Herbst versetzte der längst vergessene Pfleger mir erneut einen Schlag. Ich hätte ihn gleich ins Jenseits befördern sollen. Aber mir wird schon bei der Blutabnahme schlecht. Und wohin mit einer Leiche? Das ist nicht mein Metier. Aber man soll nie „nie“ sagen... Im Briefkasten befand sich ein Schreiben verfasst durch seine Anwältin. Ich wurde beschuldigt, ihn schwarz beschäftigt zu haben. Auch hätte ich ihn bedroht. Das Schreiben las sich wie Geiselhaft; als hätte ich die mit Weihwasser gereinigte, arme Seele in Ketten gelegt und bei Wasser und Brot gehalten.
Mein Vater besaß keinen Keller, indem ich einen Menschen hätte einkerkern können. Auch verfügte ich über ausreichend Personalerfahrung, währenddessen ich nie wegen Verstoßes gegen firmeninterne Vorschriften abgemahnt worden wäre. War ich so ein schlechter Mensch und wusste es nicht? Meine Reaktion entgleiste nach einer geleerten Flasche Rotwein. Ich weinte heiße Tränen der Verzweiflung und Ohnmacht. Der nächste Morgen war übel, aber verfing. Ich holte mir juristischen Rat bei fachlich kompetenten Freunden und bereute die ohnehin gespaltene Beziehung zu diesem Weltverbesserer. Ich sollte stark sein, mich in Geduld üben und aussitzen lernen. Nicht gerade meine Stärke! Ich setzte nüchterne und sachliche Schreiben an die Anwältin auf, die eine illegale Beschäftigung abschworen. Die Anwältin der Gegenseite war unsachlich, bösartig und legte den Trumpf der Beschimpfung an den Tag. Jeden Abend öffnete ich mit Schrecken den Briefkasten. Vor Weihnachten kam das letzte Schreiben mit der Drohung, dass zu meiner Straftat und meiner anhaltenden Uneinsichtigkeit nun Klage eingereicht würde.
Aus Verzweiflung wuchs ein zäher Kampfgeist. Ich würde nicht noch einmal nachgeben. Ich würde abwarten. Mehr als zwei Jahre dachte ich beim Öffnen des Briefkastens an diesen Mann, der unser aller Leben durchgewirbelt hatte.
Sollte er bleiben, wo der Pfeffer wuchs. Pfeffer wuchs in wunderschönen Ländern. Ich nahm den Fluch schleunigst zurück.
Dank des Vertrags mit dem in der Pflege erfahrenen Ruheständlers zog "die Tante" im Frühsommer 2019 bei meinem Vater ein. Sie war zwar nicht lange bei uns, jedoch stets zuverlässig und fürsorglich. Mein Vater verstand sich glänzend mit ihr. Sie wünschte kein Sightseeing-Programm, schien sich allerdings bestens in der Gegend auszukennen aufgrund diverser, früherer Einsätze. Im Gegenteil, sie nahm meinen Vater mit zu ihrer Nichte, die ebenfalls in Herzogenrath wohnte. Sie fuhren in Gartenzentren, speisten beim Chinesen vom Buffet und durchstöberten Märkte. Im Küchenschrank standen jede Menge Maggie-Fertigprodukte. Glutamat hoch dosiert.
Mit ihr ging mein Vater neuerdings zum Tanzen. Er besuchte Schützenfeste. Ich traute meinen Ohren nicht, war aber heilfroh über diese Wandlung.
Es wurden viele Fotos geschossen: Mein Vater beim Walzer, mein Vater mit Frühlingsrolle, mein Vater auf der Bierzeltgarnitur. Endlich kehrte Ruhe ein. Wir konnten unseren Berufen nachgehen. Mein Lebensgefährte übernahm zwar immer noch die Arzttermine, weil er flexibler war als ich. Aber ansonsten waren wir ein Stück ungebundener. Ich konnte meinem Job nachkommen, ohne auf neue Hiobs-Botschaften zu warten. Es fühlte sich nach einer langen Durststrecke gut an. Übrigens war die Tante, wer mitgezählt hat, mittlerweile die neunte Haushälterin. Meine Geschichte wäre hier am Ende angelangt, wenn Tante und Nichte sich die Stelle im Wechsel geteilt hätten. So war der Plan. Pläne sind dazu da, dass sie der ständigen Veränderung unterliegen.
Die Nichte und ihr Freund hatten ihre Tante vorgeschickt, um die Gegebenheiten bei meinem Vater auszuspionieren. Nach nur acht Wochen bezog die Nichte die Räumlichkeiten. Die Tante musste weichen. Meinen Vater kannte sie bereits durch ihre Tante. Und mit der Nichte zog auch mein Auftraggeber zeitweise mit ein. Nach und nach verstand ich in die Konstellation, das Netzwerk und die Familienverhältnisse. Es fand meinen Zuspruch, denn sie war die Lebensgefährtin des Auftraggebers. Der Altersunterschied war gravierend, doch ging es mich nun wirklich nichts an. Nach und nach wuchsen wir zusammen. Mein Vater verbrachte viel Zeit mit dem Pärchen, besuchte sogar den Nürburgring. Ich war begeistert und über die Maße dankbar, dass ich diesen Anbieter durch eine Annonce gefunden hatte.
Gemeinsam, also meist zu fünft, verabredeten wir uns zu Veranstaltungen. Das Badewannenrennen auf der Rur war nur eines von vielen Veranstaltungen, die wir besuchten. Wir speisten auf unsere Kosten thailändisch, niederländisch, deutsch. In übertriebener Glückseligkeit hofierte ich die Herrschaften in die Restaurants der Umgebung. Ich buk Kuchen, manchmal kochte die Nichte.
Eine erste Enttäuschung erfuhr ich, als die beiden Weihnachten nicht in Deutschland verbrachten, sondern nach Polen reisten. Auch die Tante war ausrangiert worden und nicht mehr verfügbar. Mein Vertragspartner bemühte eine „Subunternehmerin“, die eine Serbin zu uns schickte.
Die Serbin Rosa sprach nur englisch. Wir unterhielten uns über Politik und den Krieg. Das war super für mich, schlecht für meinen Vater. Er verstand uns nicht, da seine Englischkenntnisse aus der Nachkriegszeit stammten. Mein Auftraggeber war, ohne die Qualifikation geprüft zu haben, bereits auf der Fahrt nach Polen. Ich erinnerte mich zurück an die mafiösen Strukturen, die ich bereits erfahren hatte. Sollte der Horror in die Fortsetzung 9 1/2 gehen? Mir tat Rosa leid. Wir wären bestimmt ein gutes Team geworden. Doch mein Vater konnte seine minimalistischen Sprachkenntnisse aus der Besatzungszeit nicht innerhalb von 24 Stunden in ein fließendes Englisch wandeln.
Am nächsten Tag reiste sie ab, da ich das Urteil gegen sie gefällt hatte und eine zweite Serbin reiste an. Da andere ihren Job nicht erfüllten, musste ich diese unmenschlichen Entscheidungen treffen. Glücklicherweise war Serbin Nummer 2 ein Segen, um die Chance auf ein annehmbares Weihnachtsfest zu retten. Wir verstanden uns bestens, wobei sie keinerlei Erfahrung in der Pflege mit dementen Personen hatte. Sie mochte meinen Vater, war überaus höflich und freute sich, mit uns Zeit zu verbringen.
Mein Vater war in seinem Element und spielte sich zum selbständigen Mann von Welt auf. Ich zählte die Tage bis zur Rückkehr unserer Nichte. Auch wenn ich nur einen aus der Tombola weitergeschenkten Christstollen von meinem Vater erhielt, den sie für ihn vorbereitet hatte, war ich mit dem Wenigen zufrieden. Das Wenige war die Tatsache, dass Ivana glücklich war, mein Vater versorgt und ich keine Gedanken auf seine Versorgung verschwenden musste. Ich war traurig, trotz alledem. Mein geringer Anspruch zog mich in die Weihnachtsdepression. Weihnachten verging unspektakulär. Unsere liebe Serbin - übrigens Haushälterin Nummer 12 - war glücklich über den Besuch in der festlich geschmückten Skihalle. An Heiligabend wollte mein Vater nach einer Stunde wieder heim, da er nicht wusste, dass es ein Abend zum christlichen Festauftakt war.
Nach den Feiertagen kam die Nichte wieder. Das beruhigte mich zumindest. Es war die Ruhe vor dem Sturm... Zuerst absolvierte die Nichte ihren Führerschein. Ihr Rentner hatte viele Kontakte und ermöglichte ihr sehr viel. Ich fuhr mit ihr zum Übungsplatz. Während sie im Ort die Fahrtstunden nahm, ging er mit meinem Vater spazieren. Warum auch nicht.
Aber die Nichte und ihr alter Mann stritten immer häufiger. Sie wollte weg, sie war unglücklich. Sie hatte Heimweh. Ihre Tochter lebte in Polen bei den Großeltern. Der Altersunterschied bildete die bekannte Eisbergspitze. Sie war ca. halb so alt wie er. Zusätzlich wurde ich von Bekannten auf das Verhältnis angesprochen. War sie etwa schwanger von einem 35 Jahre älteren Mann? Das Dorf zerriss sich das bekannte Maul. Nachbarn sprachen mich auf das ungleiche Paar an. Ich vermied es zur Boulevardpresse degradiert zu werden.
Egal, denn mein Vater war immer noch in seiner Welt gut versorgt. Aber mein Vater mischte sich zusehends mit ein. Zusehends zeigte er Aktion. Im Dunst der Vergesslichkeit hatte er sich seinen Gerechtigkeitssinn bewahrt. Wenn die Nichte wegen eines Streits mit ihrem Freund weinte, wollte er sie beschützen und verwehrte unserem Auftraggeber den Zutritt zum Haus. Es wurde brenzlig.
Die beiden fuhren erneut in Urlaub. Die Nichte beichtete mir, dass sie nicht wiederkommen wolle, ihr Freund allerdings nichts davon wissen durfte. Ich geriet zwischen die Fronten, hielt mich heraus, wo immer es ging. Es begann ein Rosenkrieg. Es ging um Geld, es ging um ganz viel Eifersucht.
Aus dieser Zeit blieb mir der Kontakt zu Serbien erhalten. Ich war sehr dankbar dafür und trug ein Kleeblatt als Erinnerung an sie.
Die Fromme, der betende Feldwebel! "Alle Polen lügen...!" Diese Aussage stammte nicht von mir. Zu gut war meine Kinderstube, um so infam zu pauschalisieren. Diese Aussage jedoch behaupteten drei meiner polnischen Freunde in Deutschland. Es existierte unter ihnen das Vorurteil, dass Landsleute genau aus diesem Grund ihr Land verließen und die Ehrlichen im Ausland sesshaft wurden.
Unser Feldwebel wurde mir von der Nichte angepriesen, damit ich eine gute Nachfolgerin für die Betreuung meines Vaters haben würde. Unser Auftraggeber hatte sie im Pool. Der Feldwebel könnte kochen und vorzüglich Brot und Kuchen backen. Ein lauter, greller, rosa Elefant im Porzellanladen begrüßte mich am 8. Mai 2020. Ihre Sprachkenntnisse waren minimalistisch ausgeprägt, aber dieser Umstand störte sie nicht. Das machte sie mit einer Ehrenrunde Rosenkranzbeten locker wett. Sie trotze vor übergewichtigem Selbstbewusstsein - verbal wie konstitutionell.
Nach dem ersten Kennenlernen und der Übergabe verabschiedete ich mich, um wenig später erneut kontaktiert zu werden. Der Auftraggeber berichtete, dass mein Vater die Türen abgeschlossen hätte. Scheinbar hatte er sich so sehr an die Nichte gewöhnt, dass er eine fremde Frau nicht dulden wollte. Ich konnte aus Mangel ihrer Deutschkenntnisse nie erfahren, ob er sie oder ob er sich eingeschlossen hatte. Es spielte auch keine Rolle. Der Feldwebel konfiszierte alle Schlüssel. Punkt! Mein Vater hatte ab sofort die Türen auch bei Verrichtung der Notdurft offen zu lassen. In der Nacht blieb die Schlafzimmertür geöffnet. Der Feldwebel gab den Ton an und die Hausordnung vor. Sie litt an Bewegungsmangel und stöhnte unter den Spaziergängen, die mein Vater ihr abverlangte. Daher arbeitete sie unter List einen für sie gangbaren Plan aus. Wie die Schlange Kaah indoktrinierte sie die Liebe zu Fernsehserien in meinen Vater. Neuerdings schaute er Serien, wie „Sturm der Liebe“ und „Bares für Rares“.
Wenn nach dem Frühstück Langeweile aufkam, aßen die beiden Käsetorte. Diese war so fettig und schwer, dass die Tischplatte durchbog.
Ein Becher Sahne aufgeschlagen und pur verspeist konnte ihr ein Frohlocken und sanftmütiges Lächeln ins Gesicht zaubern. Den Kaffee kochte sie nicht in der Maschine. Dieses elektrische Monstrum war ungesund! In einer Thermoskanne ließ sie das Kaffeepulver schwimmen, bis es sich absetzte. Mein Vater bekam besonders viel Wasser in die Tasse, da ein dünnes Gebräu besser für seinen Blutdruck sei, obwohl dieser immer konstant war. Wenn sie Suppe in den Teller schaufelte, lief dieser gesteuert durch ihre Kurzsichtigkeit über. Das Tischtuch zauberte einen romantischen Fettfilm in Harmonie zur Tischplatte auf die Maserung. Mein Vater nahm enorm an Gewicht zu. Mein Kredo wiederholte ich stoisch: Hauptsache gut versorgt!
Der Feldwebel verweigerte Ausflüge. Bloß nicht bewegen! In der Zeit, wo ich meinem Vater Programm bot, damit sie ihre Pausen genießen konnte, schaute sie in Vaters Sessel fern oder betete ihren Rosenkranz. Das stoische Beten erinnerte mich an unsere Gläubige. Diese war jedoch nie derart scheinheilig.
Dann kam die alles endscheidende Wahl in Polen. Herr Duda musste vor Ort und ausschließlich persönlich unterstützt werden. Sprachlosigkeit überwältigte mich, als ich kurze Zeit später wieder den Schlafsack bei meinem Vater aufschlagen musste. Erneut war der Hygienestandard nicht mal einen Stern wert. Gerne hätte ich im Garten ein Zelt aufgeschlagen, statt drinnen zu nächtigen. Grob verschaffte ich dem Haus eine Grundreinigung. Mein Dromedar kam wieder. Die Wahl wurde siegreich, heroisch und erfolgreich abgeschlossen. Nun konnte sie sich an ein neues Projekt wagen. Die Geister, die ich rief,... die geschäftstüchtige Mutter und Großmutter startete den Anlauf in ein kleines Unternehmen. Sie bremste ihren Chef aus und pochte auf ihre Selbständigkeit als Kleinunternehmerin: "Gibst mir Geld, Dein Mann Arzt." Als gebranntes Kind zog ich die Reißleine. Der Feldwebel hatte die Schlacht verloren. Sie musste abreisen, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, dass ich jemals eine qualifiziertere Alternative zu ihr fände.
Mein Dank dem Pflegeverband und meiner sauberen Excel-Tabelle. Ich klapperte meine Kontakte ab, neue Angebote mussten her. So entdeckte ich Georgien. Wusstet ihr, dass Georgien 3,7 Mio. Einwohner zählt, wobei knapp die Hälfte im Ausland leben? Am 15.12.2020 reiste mit einem spärlichen zum Bärsten gefüllten Köfferchen eine Schriftstellerin und Poetin an. Sie stellte sich vor: "Ich wenig deutsch. Entschuldigung!" Dabei schaute sie mich so verlegen und gleichzeitig aufrichtig an, dass ich sie fest an mich drückte und sagte: "Wir schaffen das". Ich hatte zu viel Politik konsumiert oder wie kam ich zu dieser voreiligen Äußerung? Nach einer gedankenvollen Nacht übernahm ich am nächsten Tag die Einweisung, denn das Auftragsbüro hatte seinen Sitz in Frankfurt und die arme Keti reiste ganz auf sich gestellt an. Wir starteten unsere gemeinsame Zeit mit einem Besuch in einer orthodoxen Kirche. Dank des Google-Übersetzungsprogramm verständigten wir uns ab sofort mit Smartphone im Gepäck. Zum zweiten Mal schickte mir Gott, diesmal orthodoxen Ursprungs, einen Engel. Geschwind interessierte ich mich für ihr vergangenes Leben in der Türkei und ihr Leben im schönsten Land auf Erden: Georgien. Wissbegierig schauten wir Reiseberichte und Dokumentationen über die georgische Küche. Wie lange war ich nicht mehr so glücklich? Bei mannigfaltigen Ausflügen und Waldspaziergängen wuchsen wir zu einer Einheit zusammen. Und mein Vater? Sicherlich spürte er meine wachsende innere Ruhe. Neuerdings fuhr ich nicht widerwillig, sondern freudig zu ihm. Neuerdings kochten wir zusammen. Ich lernte nicht nur Khachapuri backen, sondern vertiefte meine Kochnase in georgische Kochbücher. Jeden Sonntag fuhren wir abwechselnd ein perfektes "Supra" auf. Geselliger hätte ein Wochenende nicht enden können. Und noch etwas war erstaunlich: Mein Vater wurde immer fitter, er nahm Gewicht ab und baute Kondition auf. Denn Keti ging stundenlang mit ihm in die Natur, hatte ein Picknick im Gepäck und postete hiervon fleißig Bilder auf Facebook. Gemeinsam sammelten wir Brennnessel und kochten Suppen. Sie kletterte in Bäume, sammelte Nüsse, Äpfel, Pflaumen und Kornelkirschen. Ich lernte zauberhafte Gerichte mit Unmengen an Kräutern kennen.
Natürlich gab es auch herrlich, schöne Missverständnisse. Gaumardsoß! Prost, auf das älteste Weinland der Welt!
Mitten in der Coronakrise genossen wir das traditionelle Wissen aus unseren Ländern. Alles, was unsere Mütter eingekocht hatten, kochten wir nach. Wir stählten unsere Seelen in gemeinsamer Abgeschiedenheit und schirmten uns von der verrückten Außenwelt ab. Sollte Corona und die damit einhergehende Politik wüten - wir hatten unseren Weg gefunden.
Keti fühlte sich so wohl, dass sie uns immer mehr als einen Teil ihrer Familie sah. Wir telefonierten mit ihren Söhnen in Georgien, die mich online mit in ihre Geschäfte nahmen. Per Webcam konnte ich in Georgien einkaufen. Auch wenn ich lange nicht in Urlaub war, kam ich überall hin. Durch die digitalen Medien wurden wir in Georgien bekannt. Neuerdings hatte ich georgische Freunde in der Schweiz, in Polen und in Italien. Wir lachten viel und teilten unsere Sorgen. Ich erfasste ein Vorwort für ihr Buch mit Fado ähnlichen, schwermütigen Gedichten. Ihre Kultur, ein farbiges Bollwerk aus Nationalstolz und Ehrgefühl. Als Vertreterin ihres Landes setzte sie sich für die Natur ein und gab Interviews im Radio. Es war für sie kein Zufall, dass sie in einer Familie landete, die der Natur und Pflanzenwelt so nah war. Wir empfingen georgische und türkische Gäste. Mal Studenten, mal Nachbarn. Trotz vieler Kriege stets gut gelaunt, stand Keti immer nach vorne blickend in einem fremden Land wie ein Fels in der Brandung. Neugierig, unaufhaltsam auf Abenteuer gepolt.
Und... wie würde es weitergehen?
Wir schmiedeten Pläne, hatten tausend Ideen. Seminare mit georgischen Kochkursen, untermalt durch das Lehren wilder Kräuter. Wir sammelten Kräuter und kochten gemeinsam georgische Köstlichkeiten.
Zwei Kräuterweiber unterschiedlicher Herkunft auf demselben Weg - im Geiste verwandt, durch Traditionen verwurzelt. Altes Wissen lebendig halten über alle Landesgrenzen hinaus.
Irgendwann sehnte sich auch eine Georgierin nach Veränderung und machte sich auf den Weg zu neuen Ufern. Die Leichtigkeit war verflogen, und es gab nicht mehr nur sonnige Tage. Missverständnisse häuften sich, und so verabschiedete sich meine geliebte Keti. Nach Keti kam Anni, doch sie verweilte nur kurz – nach zwei Wochen war sie wieder fort.
Dann kam Nanni, eine warmherzige, aber misstrauische und schüchterne Seele, die Trauer und Traurigkeit in sich trug. Weit weg von ihrer Heimat, ihrer Familie, traf sie ein weiterer Schicksalsschlag, der sie zur Abreise zwang. An ihrer Stelle reiste Dalia an. Und so geht die Reise immer weiter. Wann wird sie wohl enden?
Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich auf siebzehn verschiedene Haushaltshilfen zurück. Vor sieben Jahren sagte man mir, zwei Personen würden sich diese Stelle immer im Wechsel teilen. Heute weiß ich, dass es anders kam. Diese Zeit brachte Höhen und Tiefen mit sich, doch ebenso viel Herzlichkeit und Wärme. Durch diese Frauen durfte ich nicht nur die wundervolle georgische Küche, sondern auch die wame, familiäre Mentalität eines kleinen, stolzen Volkes kennenlernen.
Zwei Drittel aller Georgier arbeiten außerhalb ihres Landes. Es ist traurig, dass sie ihre Heimat verlassen müssen – ein so wunderschönes Land. Aber was weiß ich schon? Wir haben alle unsere eigene Geschichte.